Das TV- Magazin Kulturzeit auf 3Sat beschäftigte sich in seiner Sendung vom 18.05.2011 mit der Visualisierung des Terrorismus.
Text Protokollierung des Filmbeitrags:
Die Bilder des 11. September 2001. Sie gelten als die Ikonen des Terrors. Der Westen überwältigt von der Gewalt, von der Ästhetik des Schreckens. Redet mehr vom Krieg der Bilder, als von Krieg. Irgendwann nach der eintausendsten Wiederholung vergisst er, um was es hier geht; um Massenmord.
Die Ästhetisierung des Ereignisses geht so weit, dass es zur Kunst erklärt wird. Als erster sagt der Komponist Karl-Heinz Stockhausen es sei natürlich das größte Kunstwerk was es überhaupt gibt; über den ganzen Kosmos. Dann meint der Kunsttheoretiker Boris Groys mit allerlei Theoriegirlanden verziert, Osama Bin Laden sei ein Videokünstler. Und kürzlich phantasiert Anselm Kiefer, die Bilder des 11. September erfüllten alle Merkmale von Kunst. Schönheit, Vieldeutigkeit, sogar die Interaktion mit dem Betrachter. Es sei Osama in erster Linie auf diese Bilder angekommen. Mord ist Kunst, wenn das Bild dazu schön genug ist. Solches Geplapper muss bloß ein paar tausend Tote ausblenden.
Die Attentäter selbst verfolgen eine ganz andere innere Logik. Vom edlen Kampf und edlen Tod und auch hier geht es um Kunst, um die Kunst des Todes. Ihr Ausgangspunkt ist der Koran.
„Sie sollen kämpfen in Allahs weg und töten und getötet werden“ (Sure 9, 111). Diese Ur-Stelle des Dschihad, die den Eingang ins Paradies als Märtyrer garantiert, hat die Muslim-Bruderschaft zu einer Gesellschaftstheorie ausformuliert, der Kunst des Todes, die später in die Terror-Theorie von Al Kaida einging. Geschrieben 1938 von ihrem Gründer Hassan Al Banna.
Der Politologe Matthias Küntzel sagt dazu: „Mit der Formulierung der Kunst des Todes umschreibt Hassan Al Banna einen Slogan, den wir heute kennen unter der Parole: Ihr liebt das Leben, wir lieben den Tod. Es geht nicht nur um ein gutes Sterben, es geht darum, dass eine Art Sehnsucht zum Tode erzeugt werden soll, um in einem Dschihad den Märtyrertod anzustreben.“
Zitat Einblendung im Filmbeitrag:
Hassan Al Banna: Derjenigen Nation, welche die Kunst des Todes perfektioniert und die weiß, wie man edel stirbt, gibt Gott ein stolzes Leben auf dieser Welt und ewige Gunst in dem Leben was noch kommt. Nichts hat uns mehr erniedrigt als die Liebe zum weltlichen Leben und der Hass auf den Tod. Bereite Dich also auf eine große Tat vor, sei erpicht zu sterben so wird Dir gewährt sein zu leben. Strebe nach einem edlen Tod und Du wirst vollständiges Glück erlangen.
Es geht also um die Tat. Die Sehnsucht ein Märtyrer zu werden produziert nebenbei ständig neue Bilder, die dem Feind als Warnung und den Terroristen als Ansporn gelten. Und Osama, der spirituelle Führer dieses Todeskultes zeigte sich gerne als Demütiger und heiliger Krieger in den Spuren Mohameds. Eine Selbstinszenierung, die durch die in Abbottabad gefunden Videos endgültig zerstört ist. Osama zu hause betrachtet sich selbst und gelegentlich auch westliche Pornografie. Nun sind die USA ganz im medialen Vorteil. Das Foto der Regierung, die im Weißen Haus die Tötung betrachtet, ist ein Stück raffinierter Bilderpolitik. Für Amerika bedeutet es noch mehr.
Der Kunst- und Bildhistoriker Horst Bredekamp meint: „Amerika fühlt sich im Sinne des „Body-Politic“ als ein verwundeter Gemeinschaftskörper im Sinne der monarchischen, vormodernen Theorie des politischen Körpers. Ist durch die Gegenwart, die Augenzeugenschaft in der Tötung eines Attentäters wieder geheilt. Der Betrachter sieht, wie sich im Gesicht derer, die dieses Ereignis verfolgen, gleichsam eine Wunde schließt.“
Zu dieser Heilung gehört die Verkündigung. Der US-Präsident meldet die Tötung und der Ruhm der edlen Tat strahlt ab auf den Verkündiger. Ein Foto des toten Bin Laden will man nicht zeigen, auch aus Rücksicht auf die Gefühle der Muslime, obwohl man immer betont hat, das er die Muslime und den Islam gar nicht repräsentiert.
Medienwissenschaftler Norbert Bolz meint dazu: „Ich kann mir schwer vorstellen, dass diese Heilung erfolgen kann ohne dieses Bild. Wir haben auch das Bild des toten Stalin gebraucht, um unsere stalinistischen Wunden schließen zu lassen und wir leiden bis heute daran, dass wir kein Bild des toten Hitler haben und bis zum heutigen Tag schießen Verschwörungstheorien und Paranoia ins Kraut. Das Bild des toten Terroristen, das Bild des toten Imperators, das Bild des toten Diktators ist offensichtlich auch ein Therapeutikum, auf das eine Gesellschaft, die schwer verletzt ist, kaum verzichten kann.“
Der Kunst- und Bildhistoriker Horst Bredekamp lehnt die Veröffentlichung ab. Er meint dazu: „Das ist das Gebot der Stunde, Bilder und Wirklichkeit, Bilder und Körper voneinander zu distanzieren um diese grauenhafte Spirale des wechselseitigen Austauschs von Bild und Körper zu durchbrechen. Die zu diesem weltweiten Terror, Anti-Terror Kampf unmittelbar dazugehört.“
Nach dem Tod Osamas schaut der Westen mit noch größeren Hoffnungen auf den arabischen Raum. Auf Ägypten und die Muslim-Bruderschaft, doch wie viel Islamismus steckt darin? Der Politologe Matthias Küntzel sagt dazu: „Wir haben auf der einen Seite das Abdanken und auch jetzt das Ende des Führers einer militanten Fraktion des Islamismus, aber der legale Islamismus, der mit anderen Methoden gleiche Ziele verfolgt, dieser legale Islamismus ist dadurch eher gestärkt worden. Und deshalb halte ich es für so ungeheuer wichtig, sich das Programm der Hamas anzuschauen. Das ist die Musterorganisation des Islamismus. Das ist die Muslim-Bruderschaft an der Macht und zu prüfen, ob das kompatibel ist mit den Werten die wir vertreten. Und daran kann man dann messen, wie weit die Muslim-Bruderschaft als Bündnispartner akzeptiert werden kann; oder auch bekämpft gehört wie Osama Bin Laden.“
Im Westen gelten die Muslim-Brüder als demokratiefähig und gemäßigt. Doch noch immer predigen sie die Terror-Ideologie von Hassan Al Banna. Ihr Anführer Mohamed Badi E sagt: „Die Besserung, die die Nation sucht kann nur durch Dschihad und Opfer erreicht werden und durch die Erziehung einer Dschihadi-Generation, die den Tod genauso will, wie der Feind das Leben.“
So sprießt im arabischen Frühling der Ruf nach Freiheit, doch auch weiterhin die Kunst des Todes.
(20.05.2011/Löwenzahn)
Tags: 11 September 2001, 3-sat kulturzeit, 9/11 krieg der bilder, 3sat, 9/11, 9/11 in der kunst, 9/11 kunst, 9/11 sprache, 9/11 und kunst, 911 terroristen leben noch, Allerlei, Als, anselm kiefer zitat osama bin laden, ästhetik des terrors, ästhetik des terrors 9/11, Attentäter, bild stockhausen kunstwerk, Bilder, bilder der opfer vom 11/9, Boris Groys, boris groys terror, die kunst des todes al-banna, die kunst liebe und des todes, die sprache der bilder, fotografien zu 9/11 künstler, Hassan Al Banna, Ins, Islamismus, Karl Heinz Stockhausen, karl heinz stockhausen 11/9, karl heinz stockhausen 911, Kulturzeit, kulturzeit 18.05.2011 bilder des terrors und ihre deutung, kulturzeit 911, Kunst, kunst 11. september, kunst 9/11, kunst des todes, kunst nine eleven, kunst nineeleven, kunst und 9/11, kunst zum 11. september, Kunstwerk, Märtyrer, Mohameds, mohammed badi terrorist, muhamed badi`e glück, Muslim, Muslim-Bruderschaft, nine eleven kunst, Norbert Bolz, Osama Bin Laden, Paradies, Parole, Sei, Slogan, sprache des terrors, stockhausen 11. september kunstwerk, sure 9 111, sure 9/111, Terror, Terrorismus, Terroristen, Terrors, terrorschutz 9/11, Todes, Todeskultes
